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Zur Hölle mit dem
vierten Juwel!
Im Diamantwegsbuddhismus gibt es eine Extrawurst.
Da
man hier extrem stark und flott mit seinem Geist arbeiten
will, benötigt man eine Art geistigen Vitamintrunk,
der den sich im Auflösen begriffenen Geist bei
Laune hält.
Dieser Seelen-Zusatzshake ist - neben der Zuflucht
zum Buddha, der buddhistischen Gemeinschaft (der zickende,
unzufriedene Haufen, den man in mehr oder weniger
regelmäßigen Abständen trifft und
geistig offenbar noch weniger reift als man selbst),
und der buddhistischen Lehre (wer kann sich denn schon
84.000 Ratschläge merken?) - der Lama.
Das Lehrer-Schüler-Verhältnis wird hier
großgeschrieben; ein starkes Band des Vertrauens
zwischen seinem erwählten geistigen Vater und
der eigenen egobehafteten Nichtigkeit ist von äußerster
Wichtigkeit.
Daher wird auch mit ernstem Kopfnicken und wissendem
Gesichtsausdruck immer wieder der Rat gegeben, daß
man sich seinen Lama mit großer Umsicht aussuchen
soll, da man voraussichtlich eine längere Zeit
miteinander zurechtkommen muß.
Nun verhält es sich so, daß der große,
nicht zu bremsende Enthusiasmus, die grenzenlose Begeisterung
und der nahezu übermenschliche Wille, alles was
der Lama rät auch tatsächlich zu befolgen,
leider Ausgeburten des verwirrten und leidbehafteten
Egos sind, welches es aufzulösen gilt.
Daher sind von vornherein eine nicht übersehbare
Menge an Problemen und Widersinnigkeiten vorprogrammiert.
Die ersten zwei Jahre nach der Zuflucht, dem Knüpfen
des Segensbandes zu Buddha durch den Lama, bei dessen
Gelegenheit man durch eben diesen einen buddhistischen
Namen erhält, von dem man begeistert ist (ach,
nur MEIN Lama kann mich so gut kennen, daß er
diese grandiose Buddha-Eigenschaft in mir entdeckt!)
sind großartig; jeglicher Gedanke an Kritik
in nicht nur in unendlich weite Fernen gerückt,
es ist überhaupt nicht existent.
Der durch die Meditation geschundene Körper
schleppt sich weiter von Übung zu Übung;
Dzogchen, Mahamudra oder Lamrim heißen die Zauberworte,
die es zu erreichen gilt.
Die Knie schmerzen allein beim Gedanken an das Meditationskissen,
das Hirn verzweifelt beim Gedanken daran, langatmige
Pujas und komplizierte Mantras auswendig zu lernen
und auf den Fingerkuppen bildet sich eine Hornhaut
vom Zählen der Mala-Perlen. Welche Motivation
treibt uns? Sicherlich natürlich das Vertrauen
in den Buddha und seine Lehre, diese Sehnsucht nach
Befreiung - weniger leiden, weniger angreifbar sein,
jeden Morgen ein Lächeln auf den Lippen haben
können, beliebt sein - all das gaukelt uns unser
verkauztes Ego vor, das sich partout nicht auflösen
will. Nicht ein wenig. Noch nicht einmal ein klitzekleines
bisschen.
Dann und wann kommt dann unser Lama vorbei. Wir treffen
ihn bei Initiationen (noch mehr schmerzende Knie,
noch mehr Mantras) und bei Voträgen, wobei wir
erfahren, was wir alles falsch machen und wie weit
wir noch von der Befreiung, geschweige denn der Erleuchtung
entfernt sind.
Er sendet ein Lächeln in den Zuschauerraum und
bei Ende des Vortrags können wir uns ihm in einer
langen Schlange nähern; unser Herz klopft lautstark
vor Aufregung, die Nervosität läßt
unsere Handflächen schwitzen, und dann erhalten
wir einen Segen - ....und alles ist gut.
Tausende von Fragen hatten wir im Kopf; so viele
Zweifel, die zu berichten waren und so viele Unzulänglichkeiten,
für die wir eine Absolution erteilt haben wollten;
doch nichts ist in diesem magischen Moment noch wichtig.
"Ich bin zuhause! Alles ist gut."
Alles weitere hat keinen Platz mehr in unserem Kopf.
Wir sind zuhause.
Danach kehren wir wieder nach Hause zurück und
praktizieren mit aufgefrischter, neuer Energie weiter.
Eine Weile schmerzen die Knie weniger, eine Weile
sind die Visualisationen sehr tief und wir kommen
frisch und mit innerer Ruhe aus der Meditation zurück.
Für eine Weile haben wir die kostbaren Momente
der Nicht-Meditation in unserem Alltag und wir sind
voller Hoffnung, daß sich diese Momente nun
mehren werden. Es ist alles, wie der Lama es gesagt
hat, der Lama hat es zugesagt; nein, er hat es versprochen!
Selbst
die Deppen aus der Sangha, der Gemeinschaft, sind
doch nur Brüder und Schwestern im Dharma, die
sich bemühen und alles so gut versuchen, wie
sie nur können.
Alles wird gut. Denken wir.
Doch dann kommen sie. Vehement. Die Reinigungen.
Da wir so manierlich kontinuierlich unsere schlechten
Eindrücke per Meditation und geistiger Anstrengung
aus dem Geiste verbannen um Platz für die guten
Eindrücke zu schaffen, müssen wir uns ja
früher oder später den "gestohlenen
Pferden vergangener Leben" stellen. Das segensstarke
Band zum Buddha beinhaltet leider auch, daß
wir uns der Erleuchtung nähern, durch Aufarbeitung
früherer schlechter Eindrücke und Taten
- und diese kommen ganz bestimmt.
Mit einem Mal häufen sich die Knöllchen
fürs Falschparken, man fährt seltener als
früher zu schnell, wird aber öfter erwischt,
einmal im Sommer läuft man barfuß und tritt
dafür gleich zweimal kräftig in eine Scherbe,
der Winter ist eine einzige Grippe, das Frühjahr
eine einzige Angina und mit 36 Jahren erwischen einen
die Röteln. Alte Freunde, die den Dharma nicht
entdeckt haben halten einen für einen spinnerten
Sektierer, mit dem ja gar nichts mehr los ist, man
sei ja degradiert zu einem OM-murmelnden Trottel.
Plötzlich meldet sich ein Inkasso-Unternehmen,
man streitet sich mit seinen Geschwistern, das Konto
kommt aus dem Minus nicht mehr heraus, erwischt nur
noch rote Ampeln und der Chef befördert trotz
95% Zusage jemand anderen.
Und man zweifelt. Mehr als vorher. Denkt sich "tja,
der Dharma hat das Glück halt auch nicht gepachtet".
Man hat sich geirrt. Meditiert eine Weile lang unregelmäßiger.
Und hört dann schließlich ganz auf. Aber:
Man will ja noch seinen guten Willen zeigen. Man ließt
die ganzen Buddhismus-Klassiker. Sogyal, Ole, Tenga,
Dalai Lama. Und man ist verwirrt. Vom Kopf her ist
alles verstanden. Wieso klappt es nicht mit der Umsetzung?
Was ist los?
Dann ist der Lama in der Stadt. Zum ersten Mal fährt
man nicht hin. Und hat danach ein so schlechtes Gewissen
und soviel Sehnsucht, daß man zum nächsten
Vortrag vierhundert Kilometer weit fährt und
einen Tag auf der Arbeit schwänzt, um ihn doch
noch zu sehen. Doch was er Dir sagt, ist nichts Neues;
Du hörst es Dir seit über zwei Jahren an.
Mit einem Mal fühlt man sich getäuscht,
verdrossen. Geht nach vorne, für den Segen. Ist
immer noch nervös, aber eher wie bei einem Lehrer,
der fünf Minuten vor Schulschluß doch noch
erfährt, daß Du die Hausaufgaben nicht
gemacht hast.
Du gehst auf ihn zu dann bist Du an der Reihe. Trotzig
schiebst Du die Unterlippe vor. Du willst jetzt nicht
weichgekocht werden durch einen Blick, oder ein freundliches
Wort. Er kann gar nicht Bescheid wissen! Tausende
von Schülern auf der ganzen Welt und er soll
sie alle kennen? Ha! Nichts als leere Tröstungsversuche.
Du erhältst vom ihm Deinen Segen. Und könntest
weinen. Um dich selbst, weil Du Deinen "Vater"
so enttäuscht hast. Um Deinen Lama; weil da irgendetwas
nicht zu stimmen scheint. Um die buddhistische Lehre;
weil Buddha so viele untalentierte Nachfolger hat
- Dich zum Beispiel.
Du fährst nach Hause nach der Segnung, tief
in Gedanken. Unterwegs hast Du einen Platten und suchst
im strömenden Regen zwanzig Minuten lang nach
dem Wagenheber. Der Himmelsguß killt Deine neuen
Schuhe und Deine Armbanduhr.
Vom Segen ist nichts mehr zu spüren.
Zwei Wochen lang unansprechbar; unausstehlich. Man
ist sich mehr und mehr sicher, daß man aufhören
wird, es hat ja eh alles keinen Sinn. Die Gedanken
kreisen unaufhörlich um den Dharma - die Leere,
das Mitgefühl, die Achtsamkeit, alles Unsinn?
Nein! Denn mit einem Mal erkennst Du mehr und mehr,
daß es nicht der Buddha war, oder gar seine
Lehre, mit der Du im Clinch liegst. Du hattest Dich
niemals mit Shakyamuni Buddha gestritten.
Dir erscheint alles klar. Der, der der innere Unhold
ist und Dich zweifeln läßt, ist Dein Lama!
Ja! Nein! Kann denn das sein? Man denkt an den letzten
Segen. Der war doch kraftvoll.....! Ja, aber ist es
denn nicht der Segen Buddhas, der so stark in Dir
wirkt? Der Lama ist doch lediglich das Band........!
Mit einem Mal weißt Du es. Was Dich aufregt.
Seit Jahren. All diese Kleinigkeiten. Das ziemt sich
nicht für einen Lama.
Hast Du nicht ein Versprechen abgegeben? Und beinhaltet
dieses Versprechen, dieses Gelübde nicht auch,
daß Dein Geist achtsam bleiben soll? Soll man
mit dieser Achtsamkeit nicht auch beständig seinen
Lama prüfen? Ja, natürlich!
MUSS er denn während des Vortrags im Ohr herumpulen?
Zehn Minuten lang? Sich beständig an den Füßen
herumfummeln? Wie kann er nur solche Witze erzählen?
Wenn er heißen Tee trinkt, dann schlürft
er wie ein alterschwacher Elch. Ich kenne niemanden,
der sich so langsam die Schuhe auszieht. Seine Meinung
zu Frauen sollte man vielleicht auch noch mal überdenken.
So züchtet man nämlich eher einen Macho-Club
heran, anstelle von gereiften und befreiten Schülern!
Und eigentlich hat er auf alle Fragen immer nur dieselben
fünfzehn Standardantworten.
Und so wirst Du untreu und löst Dich.
Dein Lama hat sich selbst vom Sockel katapultiert.
Wie konnte er Dich nur so enttäuschen? Er hat
gefälligst heilig zu sein! Wie kann er Schülern
etwas beibringen, wenn er selbst so fehlerbehaftet
ist?
Du fühlst Dich getreten und in die Ecke geschubst
wie ein kleiner Hund, der als Gespiele langweilig
geworden ist. Du möchtest weinen, aber dafür
bist Du noch zu wütend. Doch nach der Wut kommt
allmählich die Trauer - die braucht nämlich
nur einen klitzekleinen Auslöser, der zumeist
aus einer ganz anderen Ecke kommt.
Sehr begehrt ist hierbei immer eine sich auflösende
Schulfreundschaft ein Umzug in eine fremde Stadt oder
eine wackelige Beziehung.
Dein Schmerz überrollt Dich, doch der Lama ist
nicht mehr da. Du entdeckst den Buddhismus komplett
neu, mehr auf Dich gestellt. Du wirst ernster; nervst
endlich nicht mehr all Deine Arbeitskollegen mit Deinem
endlosen enthusiastisch-missionierendem Gequatsche.
Du besucht wieder Vorträge und wagst Dich allmählich
auch an Initiationen heran - von so ziemlich jedem
Lama, der gerade einen Vortrag in der Nähe hält.
Nur nicht von dem einen.
Viele sind nett, einige beeindruckend, doch Du erkennst
daß Dein "Herzenslama" nicht dabei
ist.
Vielleicht gibt es ihn gar nicht. Vielleicht wird
es ihn auch nie geben. Vielleicht liegt es an Dir.
Ein halbes Jahr praktizierst Du nicht. Die Vortagsplakate
beeindrucken Dich nicht mehr, Dein kleiner Altar hat
schon lang keine frischen Blumen mehr gesehen und
der Duft von Räucherwerk wird Deiner Wohnung
fremd.
Du liest lieber Asterix-Comics als Dharma-Literatur,
und so schlecht geht es Dir dabei gar nicht.
Da ist nur dieses kleine Loch in der Herzensgegend.
Irgendwann fällt Dir dann beim Aufräumen
eine alte Eintrittskarte in die Hände. Und Dir
bleibt das Herz stehen! Sein riesiges Grinsen strahlt
Dich aus seinem gedruckten Munde an!
Papa! Lama! Freund! Buddha! Alle sehen Dich von dieser
kleinen zerknickten, nach altem Kaugummi riechenden
Karte an und Du schaust ihn an, als hättest Du
ihn niemals vorher gesehen. Niemals WIRKLICH gesehen.
Danach wirst Du wieder ganz ruhig und abwartend.
Es ist zuviel innerer Aufruhr der letzten Zeit noch
in Dir als daß Du keine Zweifel bekommen würdest,
ob sich dieses neue Gefühl wird halten können.
Du erfährst, daß er bald einen Vortrag
in der Nähe halten wird. Und Du wirst dabei sein.
Und dann sitzt Du wieder in der Masse zwischen all
den anderen, die genauso sind wie Du. Nicht besser,
nicht schlechter - sondern einfach Wesen, die sich
bemühen. Du bewertest nicht mehr.
Du erkennst das Thema des Vortrag - Du hast es einige
Male gehört, doch diesmal blickst Du weiter,
erkennst einen tieferen Sinn. Später begegnen
sich eure Blicke. Er schaut Dich an, erkennt Dich.
Seine Augen leuchten, und Dich durchfährt ein
warmer Strom tiefen Glücks. Er nickt Dir freundlich
zu. Er WEISS.
Und Du weißt auch. Weißt, daß dieser
ganze, lange, schmerzhafte Prozeß nötig
war. Die Kritik. Die Zweifel. Dein beleidigtes Geschmolle.
Später stehst Du in der Schlange und wartest
darauf an die Reihe zu kommen. Doch der Segen - persönlich
und von seiner Hand gegeben - ist nicht mehr von Bedeutung.
Euer Band geht viel tiefer und ist immer da, ganz
gleich, ob eure Körper sich berühren.

Dann stehst Du vor ihm, und es ist kein Wort mehr
nötig. Das Wissen ist im Raum, die Worte können
gespart werden.
"Es geht Dir gut, nicht wahr" fragt er.
"Ja." antwortest Du. "Es geht mir
sehr gut".
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