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Die tiefe schwarze Freude
"Die Liebe an sich....ist etwas Tragisches.
Der Volksmund pflegt zu sagen, daß die Liebe
blind sei. Nein, sie ist der furchtbare Schmerz des
Verlangens, der alle anderen Bekümmernisse übertönen
kann - auch den moralischen Regulator unseres Handelns.
Sie ist das Einfallstor des Schiksals, das sich niemand
mit seiner Vernunft erwählt. Sie ist der Eingang
in alle Abgründe der Berührung, der unzweckmässigen
Fürsorge, des widersinnigen, unklugen Verhaltens,
das das Dasein reich macht.
Ihr Anhauch schafft das Übertriebene, Manische,
Unwirkliche, Entartete,...die Vielfalt,...den eigentlichen
Strom lebendigen Lebens.
Die tiefe schwarze Freude."
(Hans Henny Jahnn)
Die Liebe zu einem anderen Menschen bringt nichts
als große Wirrnis, manchmal macht sie uns verrückt.
Und doch wollen wir ohne sie nicht sein, fühlen
uns einsam und verlassen.
Hier finden wir eine der gravierendsten Formen des
Lebens in der Dualitäts-Illusion - das Gefühl
der Trennung von dem, was wir lieben.
Auch der Buddhismus arbeitet damit. In dem Moment,
in dem wir erkennen, daß wir nicht wirklich
getrennt sind, sondern lediglich ein Teil des großen
Ganzen sind, können wir bewußt und freudvoll
damit arbeiten; zum Beispiel in Form eines weiblichen
und eines männlichen Prinzips (Prajna, Upaya),
dessen Teil wir sein können, oder aber auch in
Form des Erkennens beider Bereiche in uns.
Die Verschmelzung von männlicher und weiblicher
Energie ist bereits in uns. Nach dem Erkennen dieser
segensvollen Kraft, läßt das Sehnen nach
einem geliebten Menschen nach.
Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Wir erzeugen
ein Verlangen, ein Sehnen und Wünschen in einer
Kraft, die uns die Fähigkeit zum klaren Denken
und Handeln nehmen kann. Hier Loslassen zu können
stellt einen großen Sieg in der Auflösung
des Ego dar.
Thich Nhat Hanh sagte: "Wen von uns hat es nicht
schon ergriffen - dieses wunderbare Gefühl der
Liebe? Doch wie oft wurde das, was so schön begann,
zu einer Falle, in der wir unseren gesunden Menschenverstand,
unsere klaren Perspektiven, unsere Hoffnungen und
zuletzt auch uns und die Liebe selber aufgaben.
Wenn zwei Menschen sich lieben, und der junge Mann
seine Liebe noch nicht erklärt hat, so sehnt
sich die junge Frau vielleicht nach diesen drei wichtigen
Worten aus seinem Mund. ....schließlich spricht
er diese drei Worte aus. Die junge Frau ist sehr bewegt,
denn für sie sind sie ungemein bedeutsam."
So erfährt unser ganzes Streben nach Einheit,
nach Ganzheit offenbar große und glückselige
Momente, wenn wir eine gute, liebevolle und starke
Beziehung voller Glück für eine Weile unser
eigen nennen können.
Der Mensch hat leider den unglücklichen Drang,
Momente, die er als vollkommen betrachtet, halten
zu wollen, um jeden Preis.Mit ein wenig Abstand ist
es wirklich kurios zu betrachten, welche Mühen
er auf sich nimmt, um einen guten Zustand halten zu
können.
Doch Buddha konnte erkennen (und wir werden, wenn
auch zähneknirschend, nach einiger Überlegung
zugeben müssen, daß er recht hatte), das
nichts von Dauer ist, nichts in unserem Daseinskreislauf
kontinuierlichen Bestand hat. Auch diese Liebe nicht.
Wir werden sterben, unser geliebter Partner wird sterben,
und wir wissen nicht, wann das sein wird. Vielleicht
vertragen wir uns irgendwann nicht mehr, oder entwicklen
uns unterschiedlich, so daß wir eines Tages
nichts mehr miteinander anfangen können. Auch
das Schöne kann es nicht für immer geben.
Leider, sagen wir. Aber in letzter Konsequenz betrachtet,
ist das gut so. Durch das Erkennen der Dinge wie sie
sind, erblicken wir das Ziel dahinter und den Weg
dahin. Dieser zeigt uns, daß die Liebe zu einem
Menschen uns nicht einsamer macht, sondern wir reich
wir sind als Teil eines großen Ganzen.
Wir müssen nicht befürchten, daß in
Zukunft unser Liebster oder unsere Liebste nicht mehr
da sein wird - was uns die momentane, spontane Freude
auch um ein Wesentliches schmälert.
Wir können unsere Schultern wieder herabsenken
und Stirn und Mundwinkeln entspannen. Wir sind im
Hier und Jetzt, und jetzt ist alles gut, jetzt, werden
wir geliebt, jetzt kann ich mich an einem Kuß
oder an einer Umarmung erfreuen und jetzt kann ich
auch freudvoll nach einem seelenverwandten Menschen
Ausschau halten.
In dem Moment nach unserer Geburt, in dem die Nabelschnur
als Verbindung zu unserer Mutter durchtrennt wird,
fühlen wir uns einsam. Ab diesem Zeitpunkt sind
wir schmerzvoll auf der Suche. Und suchen etwas, das
wir nie verloren hatten.
Ich erkannte das eines Nachmittags, beim Teetrinken.
Ich drehte die Tasse in meinen Händen, wartete
darauf, daß sie etwas abkühlte und nahm
einen Schluck. In diesem Moment fragte ich mich: Seit
wann ist der Tee Tee? Und wann hört er auf, Tee
zu sein? Der Tee ist nicht in dem Moment da, in dem
er fermentiert und getrocknet mit heißem Wasser
in Berührung kommt. Er ist es schon vorher, auf
dem Feld. Doch gleichzeitig ist er es nicht. Er ist
eine Pflanze, vorher ein Keimling, und er wäre
nichts ohne den Sauerstoff, das Licht und das Wasser.
Er ist alles zusammen. Das Wasser in meiner Teekanne
ist vorher in einem Wasserhahn, einer Kläranlage
und in einer Quelle. Es wäre das nicht ohne eine
Quelle, ohne die Wolken, die Regen spenden. Wenn ich
den Tee trinke, wird er irgendwann ein Teil von mir.
Ich kann ihn noch spüren, während ich schlucke,
doch danach bildet er eine Weile lang mit anderen
Dingen meinen Körper. Ein Teil verläßt
mich, ein Teil bleibt. Können wir wirklich bestimmen,
wann der Tee Tee ist, und wann etwas anderes? Können
wir wirklich bestimmen, wann wir von einem geliebten
Menschen getrennt sind und wann nicht? Er ist immer
in und zugleich bei uns, durch unsere Erinnerungen,
durch Erlebnisse, die uns geformt haben, durch Eindrücke,
die wir umwandeln konnten. Selbst ohne jegliches Bemühen
können wir uns nicht lösen von dieser Art
Umsorgtheit, die immer da ist, weil wir nie von etwas
oder emandem getrennt waren.
Dass wir allein sind, ist nichts, als ein böser
Traum, eine Form von Illusion, die nur so real erscheint,
weil wir daran gewöhnt sind und sie schon viel
zu lange glauben. Gewohnheiten sind nur schwer zu
ändern. Manchmal sollte man diesen Weg aber gehen,
weil es sinnvoller ist, als für eine lange Zeit,
die über dieses Dasein weit hinausreicht unglücklich
zu sein.
"Im Diamant-Sutra sagt der Buddha: `Wo es etwas
gibt, das durch Zeichen unterscheidbar ist, da gibt
es Täuschung.´Noch immer klammern wir uns
an Zeichen und verlieren die Essenz, welche Zeichenlosigkeit,
Leerheit und Intersein bedeutet. Wir sind in den Zeichen
gefangen und vergessen ganz, daß die Wirklichkeit
weder Selbst noch Nicht-Selbst, weder Person noch
Nicht-Person, weder Lebewesen noch Nicht-Lebewesen,
weder Lebensspanne noch Nicht-Lebensspanne ist. Unsere
Praxis muß sein, tief zu schauen, tiefgründig
zu leben und im Diamant-Samadhi zu verweilen. ...Schauen
wir tief in die Dinge hinein, dann können uns
Zeichen und Merkmale nicht zum Narren halten."
(Thich Nhat Hanh)
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