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Netzwerk > Künstlerinnen und Künstler stellen sich vor


Die Einschulung


Hallo Tante Petra,
tut mir leid, daß ich Dir so lange nicht mehr geschrieben habe. Hoffentlich geht es Dir gut.
Hier bei uns ist alles wie immer, uns geht es gut nur Papa ist schlecht gelaunt, seit er die Erkältung hat.
Gestern durfte ich die Schule schwänzen, weil Lina-Anna eingeschult wurde. Das war eine Riesenaufregung; ich hatte das Gefühl, daß halb Nordkirchen anwesend war! Aber wahrscheinlich sind alle Münsterländer stolz wenn hier überhaupt mal was passiert.
Lina-Anna hatte insgesamt drei Schultüten - war das bei mir vor acht Jahren auch so ein Theater?
Mit Oma und Opa, Oma Hedwig und Tante Lisa waren wir dann anschließend noch im Café und jeder durfte so viel Kuchen essen wie er wollte. Tim heulte fast die ganze Zeit weil seine Schwester so viele Geschenke bekam und er erst in zwei Jahren eingeschult wird. Mama meinte dann, ich solle mich etwas um ihn kümmern; immer bleibt das an mir hängen, weil ich die Älteste bin!
Dafür darf ich am Wochenende mit meiner Freundin und ihrer Mutter mit nach Bremen; sie haben dort einen eigenen Stall und wir dürfen die ganze Zeit reiten.
Schade daß Du nicht beim I-Männchen-Fest dabei sein konntest, aber ich freue mich schon darauf, Dich in den Herbstferien sehen zu können!
Gilt Dein Angebot noch, mich beim Shopping zu beraten?
Sei gedrückt, Deine Amelie


Liebe Tante Gwen,
sei sehr lieb von mir gedrückt, ich hoffe sehr daß es Dir wieder besser geht.
Ist Dein Rücken wieder in Ordnung? Ich wünsche Dir so sehr eine gute Besserung!
Gestern war Sammys Einschulung, und Du hast bestimmt in den Nachrichten davon gehört. Leider hatten wir uns wohl alle etwas zu früh über den Friedensvertrag gefreut. Wie konnten wir nur denken, daß es hier besser läuft als in Belfast!
Wenn die Briten schon hier sind, dann sollten sie die verdammten Protestanten niederknüppeln, die kleine Kinder daran hindern wollen zur Schule zu gehen! Papa meint, es wird niemals aufhören, und wir hätten damals mit Dir aufs Festland ziehen sollen. Mama heulte die ganze Zeit und Sammy hat vor Aufregung und Angst die ganze Zeit kein Wort gesagt.
Zum Glück sind wir alle ohne Blessuren wieder nach Hause gekommen; es gab nur kleine Gefechte in unserer unmittelbaren Nähe, doch wir alle spürten Todesangst, als die Nagelbombe etwas weiter vorn explodierte.
Wie können nur protestantische Eltern Bomben auf Kinder schmeißen? Das sind doch keine Menschen! Weiter vorn gab es dann den Ruf nach Vergeltung, und ich hätte gern mitgemacht, aber Pa meinte, ich solle mich an Sammys besonderem Tag etwas zurückhalten. Wäre ich bei der IRA ich würde meine Waffe nicht abgeben; hat doch alles sowieso keinen Sinn.
Grandma meint, es sei gottlos, so zu reden, aber wo ist Gott? Bestimmt nicht hier in Nordirland!
Ma vermißt Dich sehr, sie will sehen, daß sie Dich bald anrufen kann. Die Verbindung ist nicht immer so toll, aber das weißt Du ja alles noch.
Liebe Patentante, gib auf Dich acht.
Drücke mir morgen die Daumen, ich bewerbe mich dann bei einer Werkstatt als Mechaniker.
Grüße von allen, Dein Joe


Liebste Tante,
alles Gute aus Jerusalem! Wie geht es Dir nunmehr im fernen Amerika? Vermißt Du die Heimat und das Chaos hier?
Sicher hast Du von den neuesten Gefechten hier gehört; diese gottlosen Palästinenser vergreifen sich nun auch an unseren Frauen und Kindern.
Arafat ist ein Parasit, den es auszurotten gilt und jeder verdammte Europäer und Nordamerikaner, der ihn auch nur anhört, diesen damaligen und heutigen Terroristen, gehört gefoltert und ausgerottet! Nichts für ungut; aber in dem Restaurant, in dem die Bombe des Selbstmordattentats fiel, saß ein guter Freund und Arbeitskollege; seine Tochter sollte gemeinsam mit unserem Joshua eingeschult werden; und nun ist die ganze Familie tot! So kann es hier nicht weiter gehen, vielleicht werde ich doch der Armee beitreten, um die Ungläubigen zu bekämpfen, die unsere tapferen Siedler beinahe jeden Tag dahinmetzelt und unsere heilige Stadt einnehmen will.
Rabbi Itzak sagt, dies sei nicht der richtige Weg, doch ich zweifle mehr und mehr.
Es kann so nicht mehr weitergehen; die Moslems breiten sich mehr und mehr aus, unser Volk kann nicht schon wieder vertrieben werden, dieses Land ist unser Land, und ich werde darum kämpfen!
Liebe Tante; sorge Dich nicht allzu sehr, ich werde hier alle beschützen, so gut es geht.
Mutter wartet auf eine Nachricht von Dir, sie sorgt sich immer noch um Dich.
Sei umarmt, Dein Salomon


Liebe Tante Mary,
Ma hat mich gebeten Dir diesen Brief zu schreiben. - Aber komme jetzt nicht auf falsche Gedanken; sie lernt wirklich fleißig jeden Tag mindestens eine Stunde lang lesen und schreiben und läßt ausrichten, daß sie Dir sicher schon bald selbst schreiben kann!
Ich habe immer noch meine Arbeit und bin froh, für Die Familie Geld verdienen zu können, hab Dank, daß Du mir damals die Schule bezahlt hast. Die zweistündige Fahrt hin und zurück jeden Tag ist anstrengend, aber es ist ja nicht mehr so gefährlich, in die weißen Gegenden zu fahren, Gott sei Dank. So ganz wird die Apartheid hier in Kapstadt wohl nie verschwinden, aber zum Glück wird in den Townships nicht mehr gemordet.
Aber eigentlich wollten wir Dir etwas anderes berichten:
Stell Dir vor, Klein-Eliza ist nun auch in der Schule! Gestern war ihr großer Tag, und selbst Grandfather hat sich aus seinem Stuhl erhoben und seinen blauen Anzug angezogen!
Wunderschön sah sie aus mit Ihrer schicken Schuluniform, Ma mußte weinen und sagte immer wieder, wie schön es wäre, wenn Vater das noch hätte sehen können, aber nun würde sie sehen, daß er für eine gute Sache gestorben sei, damals.
Das halbe Township feierte am Nachmittag die Schulkinder - stell Dir nur vor, allein vier Kinder aus unserer Straße! Vielleicht können sich in ein paar Jahren wirklich alle Eltern das Schulgeld leisten - vielleicht sagt Mandela doch die Wahrheit.
Wir hatten dann noch bis zum Abend viel Spaß, Adieri und seine Band kamen vorbei und machten gute Musik, und alle hatten Süßes und Kuchen gebacken.
Eliza ist dann in den Abendstunden ganz klebrig vor Naschzeug unter Großvaters Stuhl eingeschlafen und wollte ihre Uniform gar nicht mehr ausziehen, als es dann ins Bett ging.
Liebe Tante, liebe Schwester, die ganze Familie grüßt und segnet Dich. Mit Freude erwarten wir Deinen nächsten Brief, hier wird mittlerweile fast regelmäßig Post geliefert!
Alles Gute für Dich, Alyme


Verehrte Tante Pema,
heute schreibe ich Dir aus einem besonderen Anlaß und habe fast nur gute Nachrichten für Dich. Letzte Woche ist Tashi in die Schule gekommen, stell Dir das nur vor!
Es gab ein großes Fest hier in Dharamsala, und auch die Schwester Seiner Heiligkeit war anwesend und begrüßte jedes einzelne Schulkind.
Wunderschön sahen alle in Ihrer Schulkleidung aus; Mutter hatte einen Monat lang bis in die Nacht hinein genäht um das Geld für die Uniform verdienen zu können, aber Gyaltsen sagte ihr, daß er ihr auch geholfen hätte und schalt sie, weil sie nicht genügend auf ihre Gesundheit achtgeben würde.
Doch in der Tat ist ihr Husten schon viel besser geworden und so bringt sie jeden Morgen und jeden Abend ihr Rauchopfer dar und praktiziert viele gute Wünsche. Sie hat aus dem Kloster ein Bild des Medizinbuddha erhalten, sie hat es auf den Hausaltar gestellt und macht viele Verbeugungen.
Ich soll Dich von ihr grüßen und soll Dir ausrichten, daß sie nie gedacht hätte, daß aus Ihrer Familie sowohl die Schwester als auch ihre Kinder einmal würden lesen und schreiben können, und sie ist sehr glücklich über den Segen der Buddhas, der über die Familie wacht und spendet regelmäßig Butter und Stoffe an das Kloster.
Großmutter Dolma geht es leider nicht so gut, sie kann nicht mehr alleine laufen und erkennt uns nur noch an ihren guten Tagen. Der Arzt sagt, daß ihr Puls schwach sei und ihre Zunge belegt, es sei das Alter.
Sie spricht immerzu von Tibet und dem Djokang und den Sommern in Lhasa, als sie noch ein junges Mädchen war.
Wir machen viele gute Wünsche für sie, aber wir denken, daß sie Lhosar nicht mehr erleben wird.
Tashi sitzt oft bei ihr und erzählt ihr Gescichten und singt ihr Lieder vor, sie hält dann seine Hand und ist ganz ruhig.
Mutter denkt, daß sie ihn vermissen wird während er in der Schule ist.
Wir alle hoffen sehr, daß es Dir gut geht im fernen Genf und haben uns sehr über Dein Paket mit all den feinen Sachen gefreut.
Mutter läßt Dich grüßen und freut sich schon sehr auf Deinen Besuch nach der Regenzeit.
Die besten Wünsche für Dich, Dein Jigme

 


 



 

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