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Der formlose Atem
Die Meditation ist ein äußerst wichtiger
Bestandteil im Leben eines Buddhisten; die "rechte",
vollkommene Versunkenheit, die im Achtfachen Pfad
benannt wird.
"Meditation" ist ein Sammelbegriff für
eine Vielzahl von Übungen, die, je nach Schule,
Kultur und historischen und geographischen Gegebenheiten
variiert; jedoch geht es grundsätzlich darum,
das Bewußtsein zu sammeln und in einen Zustand
zu versetzen, in dem es zu einer Erfahrung der Befreiung,
später dann der Erleuchtung kommen kann.
Dabei ist diese meditative "Schulung" nicht
als bloßer Selbstzweck zu verstehen - der Weg
ist das Ziel. Gleichzeitig gilt es jedoch zu beachten,
daß es ebenso unnütz ist, an der Methode
der Meditation selbst festzuhalten, wenn man das Ziel
erreicht hat, so wie es keinen Sinn macht, ein Boot
weiter mit sich herumzuschleppen, wenn man den Fluß
überquert hat.
Gemeinsames Kennzeichen aller Meditationsformen ist,
daß die Übung selbst den Geist des Praktizierenden
sammelt ihn beruhigt, - wie die Wellen eines aufgewühlten
Gewässers, auf dessen Grund man nur schauen kann,
wenn die Oberfläche wieder ruhig und das Wasser
dadurch klar ist.
Es gibt die Körper- und Atemübungen des
Hatha-Yoga, die Sammlung auf symbolische Formen (wie
z. B. Mandalas, Thangkas), Mantra-Klänge, Empfindungen
wie etwa Mitgefühl oder bildhafte Vorstellungen
(Visualisation), Konzentration auf ein Koan oder aber
das Verweilen in einem Zustand gesammelter inhaltsloser
Wachheit, klar und stark und freudvoll wie z. B. in
der Praxis des Mahamudra, Dzogchen oder des Zen (Shikantaza).
Der beharrlich Übende erfährt früher
oder später einen nicht-dualistischen Bewußtseinszustand,
in dem das Unterscheiden von Subjekt-Objekt verschwunden
ist; man Eins geworden ist mit dem "Absoluten",
eine Verbundenheit zu allem, was ist, verspürt.
Konventionen wie Zeit oder Raum werden zu einer Erfahrung
des ewigen Hier und Jetzt transzendiert; wie auch
die Identität von Leben und Tod, Phänomenalem
und Essenziellem, Samsara und Nirvana.
Wird diese Erfahrung, auf einem schier endlos erscheinenden
Weg sich fortsetzender geistiger Schulung in das tägliche
Leben integriert, so wird damit schließlich
der Zustand erreicht, der als vollkommene Befreiung,
als Erleuchtung bezeichnet werden kann.
Nun ist das für den mehr oder minder regelmäßig
praktizierenden Laienbuddhisten so eine Sache mit
der vollkommenen Verbundenheit zum Absoluten, mit
der glückvollen Verschmelzung mit dem Buddha
des Mitgefühls oder dem wachen, klaren Geist
beim Murmeln segensreicher Mantras.
Durch das Kennenlernen verschiedener Lamas lernt
man unterschiedliche kleine Tricks, die einem den
Einstieg in die Übungen durchaus erleichtern
können; doch da der Mensch in letzter Konsequenz
innerhalb der unerleuchteten, dualistisch betrachteten
Welt ein Individuum ist, kann nicht unbedingt jederman
damit sein Glück - oder gar die Erleuchtung -
finden.
Nach meiner Zuflucht stürzte ich mich damals
mit großem Enthusiasmus in die Meditation. Je
mehr, desto besser. Allerdings hielt sich die Begeisterung
nach ungezählten Abbrüchen durch mangelnde
Konzentration und ähnliche Erschwernisse schon
nach kurzer Zeit in Grenzen.
Mittlerweile empfehle ich jedem "Dharma-Küken",
das in spätestens sechs Monaten durch ausgiebiges
Sitzen und Nabelschauen die Erleuchtung erreicht haben
will, alles etwas gelassener zu betrachten, und zwar
von Anfang an; und das man kein absoluter Verlierer
ist, nur weil man mal ein paar Wochen aussetzt.
In den ersten Wochen - euphorisch durch eine Initiation
oder die Zuflucht bei einem großen, charismatischen
Lama - verhält es sich meist so, daß man
auf seinem nagelneuen, noch prall gefüllten Meditationskissen
Platz nimmt. Der aufgebaute Altar vor einem ist noch
mickrig, aber man hat die guten Bienenwachskerzen
besorgt, die Blumen sind "ordnungsgemäß"
in rot oder gelb gehalten, und mit dem Rauchwerk hat
man es eventuell übertrieben, wenn man vor sich
vor lauter Nebel das Sadhana-Heftchen nicht mehr erkennen
kann.
Bevor man sich an die eigentliche Meditation begibt,
versucht man, seinen Geist zu beruhigen. Man achtet
auf den formlosen Luftstrom des Atems an der Nasenspitze;
sein Kommen und Gehen, und bemüht sich, alle
Geräusche und Gedanken vorbeiziehen zu lassen,
ohne sie zu beurteilen. ...das Kissen liegt falsch.
Noch mal schnell etwas nach hinten geschoben; ..das
Bein kribbelt auch. Wie soll man in dieser Haltung
meditieren können? Hm, vielleicht nur fehlende
Übung. Die anderen schaffen das doch auch. Ist
deshalb die Sangha so wichtig? Damit man erkennt,
wie ungelenkig man ist? Durchaus eine Übung in
Demut; - achja, waren das nicht die Christen? Huch,
ich soll doch nicht beurteilen. Wenn ich denke, daß
ich das nicht bedenken soll, habe ich schon zwei Gedanken.
Stop jetzt. Der formlose Atem an der Nasenspitze.
Wer redet denn da draußen so laut? Nun, lesen
wir die vier grundlegenden Gedanken, die uns auf den
Weg zur Erleuchtung führen. Wir erkennen unsere
kostbaren Möglichkeiten, unser Leben hier und
jetzt mit den Mitteln eines Buddha führen zu
können. Nur wenige Menschen haben diese Möglichkeiten,
und noch weniger nutzen sie. Habe ich den Herd ausgeschaltet?
Mein linkes Bein schläft ein; schon völlig
taub, das Gefühl. Nicht denken. Ruhe jetzt im
Kopf.
Ah Mantraphase und Visualisierung. Ist der Buddha
über meinem Kopf so nicht zu groß? Die
Mala fühlt sich kalt an. Das Gewicht etwas auf
die andere Seite verlagern. OM mani peme hung, Om
Mani peme hung, OM mani peme hung. Ob noch was von
den Keksen da ist? Etwas Tee wäre jetzt schön,
der Mund ist schon ganz trocken vom Murmeln. OM mani
peme hung. Muß man sich erst verdienen. Die
Mönche trinken bei der Meditation auch keinen
Tee, nur die hohen Lamas haben vorn einen Becher stehen.
Mist, schon wieder raus. OM mani peme hung, OM mani
peme hung. Gedanken vorbeiziehen lassen. Nicht beurteilen.
NICHT beurteilen. ......peme hung. Ich kann wirklich
nicht mehr lange so sitzen. Ob ich gleich noch mit
dem Fahrrad? Och manno! OM mani peme hung! Ich habe
den Geburtstag von Ute vergessen. OM mani peme hung,
OM mani peme hung......
Nachdem man sich durch eine Vielzahl solcher Meditationen
gequält hat, wird irgendwann, meistens schneller,
als man denkt, DIE Meditation kommen. Alles ist gut,
der Geist ist frei. Die Mantras kommen flüssig,
die Visualisation ist intensiv und freudvoll, die
Verschmelzung ist eine Verschmelzung.
Leider bleibt es nicht so. Aber, für alle zum
Trost: Diese guten Meditation werden immer häufiger
Einzug in die Praxis erhalten - und: damit wird ein
wenig mehr Gelassenheit im Leben Einzug erhalten.
Mit ein wenig Schulung in Achtsamkeit, kann sich
das dann auch auf so wichtige und sinnvolle Bereiche
wie etwa Mitgefühl, Freude und Angstfreiheit
ausbreiten.
Also, liebe Leute: Der Weg ist das Ziel. :-)
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