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Mein Freund der Baum

Toskana 2001

Olivenbaum bei
Abbazia Sant' Antimo

Georg Schraml

   

Sein wie ein Baum

Sein wie ein Baum der im Herbst
von sich weggeht
der sein Gold
an die Erde verschwendet
um im Frühling
neues Grün
aus ihr einzuatmen

Die Ritze
im felsigen Stein suchen
Steine sprengen
sich festklammern
und seine Wurzeln
in die Tiefe ausstrecken
wo sie letztlich
Halt Nahrung Leben finden

Eintreten
in den Kreislauf
von einatmen
und verschwenden

Sei mein Baum

In einem Wald von Lärm und Hektik
bist du mein Baum der Ruhe

In einem Wald der Oberflächlichkeiten
bist du mein Baum der Tiefe

In einem Wald der Enge und Grenzen
bist du mein Baum der Freiheit

In einem Wald von Bäumen
bist du mein Baum

Verwurzelt nur in der Sehnsucht

Sei wie ein Baum
standfest und stark
laß dich nicht umwerfen
von den Windstößen des Lebens

Gib Heimat denen
die sich anlehnen an deine Schultern

Zugleich aber sei die Möve
heimatlos
verwurzelt nur in der Sehnsucht
ohne Sicherheit und festen Boden
laß dich im Spiel mit dem Wind
emportragen zur Sonne

Eines Tages

Eines Tages
wenn dir der Herbststurm
das letzte Blatt entreißt
dann hast du
alles verloren

Die einzige Gabe
die dir bleibt
ist deine Offenheit

Sei unverzagt

In deine ausgebreiteten Arme
wird die Sonne
das zarte Grün
eines neuen Frühlings legen

 

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